Nez rouge Bern: 0800 802 208

Die Geschichte von Nez Rouge

Professor Jean-Marie De Koninck, der an der renommierten Universität Laval in Québec (Kanada) Mathematik unterrichtete, war gleichzeitig auch Trainer des erfolgreichen Schwimmclubs dieser Uni. Er machte sich im Jahre 1984 Gedanken, wie man das Budget dieses Schwimmclubs ein wenig aufbessern könnte und hörte während einer Autofahrt im Radio einen erschreckenden Bericht, wonach sich über 50% aller schweren Unfälle im Strassenverkehr infolge verminderter Fahrtüchtigkeit ereignen. Zum grössten Teil ist der Genuss von Alkohol im Spiel, aber auch Müdigkeit, Einfluss von Medikamenten und auch die Einnahme von berauschenden Drogen machen das Führen eines Fahrzeugs zum Risiko.

So entstand die Idee, über die Festtage im Dezember zusammen mit den Mitgliedern der Schwimmclubs AutolenkerInnen, welche sich aus irgend einem Grund nicht mehr fahrtüchtig fühlen, zusammen mit ihrem Auto sicher und gratis nach Hause zu führen. Die allfälligen Trinkgelder würden dann zur Finanzierung der Mannschaft verwendet.

Nun musste aber zur Realisierung dieses Projekts ein origineller Name und auch ein ansprechendes Logo gefunden werden. Das in Amerika und Kanada bekannteste Weihnachtsmärchen vom Rentier Rudolph mit der roten Nase (Red Nose / Nez Rouge) wurde als Sympathieträger auserkoren und die Unfallverhütungsaktion wurde - weil in Québec fast ausschliesslich Französisch gesprochen wird - "Opération Nez Rouge" benannt.

Das Rentier Rudolph wurde wegen seiner leuchtenden roten Nase von seinen Artgenossen immer wieder verspottet und schlussendlich auch aus der Herde verbannt. Der Weihnachtsmann, welcher ja bekanntlich mit dem grossen Schlitten, der von Rentieren gezogen wird, unterwegs ist, verirrte sich einmal in der Nacht, als er die Leute mit Geschenken beglücken wollte. Auf seiner Irrfahrt durch die dunkle Nacht sah er plötzlich im Wald ein kleines rotes Licht und steuerte seinen Schlitten direkt darauf zu. So trafen sich der "Samichlaus" und der sehr einsame Rudolph, welcher nun dem alten Mann mit dem weissen Bart sein Leid klagte. Der Weihnachtsmann war von der leuchtenden Nase Rudolph's so begeistert, dass er das Rentier ganz zuvorderst an seinen Schlitten spannte. Wie wir ja alle wissen, führt seit dieser schicksalhaften Begegnung das Rentier Rudolph das Gespann an und weist dem Weihnachtsmann jedes Jahr den Weg, damit wir alle, ob Gross oder Klein, rechtzeitig unsere Geschenke erhalten.

So wurde die "Opération Nez Rouge" 1984 in Québec gegründet und wuchs in relativ kurzer Zeit in weiten Teilen Kanadas zu einer einzigartigen Kampagne zur Förderung der Verkehrssicherheit heran.

Dr. Jean-Luc Baierlé, Kantonsarzt im Jura, war längere Zeit in Kanada, bekam Kenntnis von dieser Unfallverhütungsaktion und fand, dass dies auch bei uns in der Schweiz zu realisieren wäre. So überquerte diese grandiose Idee den Atlantik und im Jahre 1990 organisierte Dr. Jean-Luc Baierlé, zusammen mit der Jurassischen Liga für Suchtprävention, die erste "Opération Nez Rouge" der Schweiz. Im darauffolgenden Jahr waren in der Romandie schon 4 regionale Stützpunkte im Einsatz und deshalb wurde ein Verein Nez Rouge gegründet.

Nach und nach breitete sich die Idee aus und 1993 wurde die Stiftung Nez Rouge mit Sitz in Delémont gegründet, welche den bisherigen Verein ablöste. 1994 kamen mit Zürich, Zug und Aarau die ersten deutschsprachigen Stützpunkte dazu. Eine Marktforschung von Studenten der ETH Zürich ergab, dass man den Namen "Nez Rouge" für die Deutschschweiz nicht ändern soll. Hingegen löst ab sofort in der Deutschschweiz das Wort "Aktion" die Bezeichnung "Opération" ab.

2001 waren im Dezember 22 Stützpunkte im Einsatz, davon 7 in der deutschsprachigen Schweiz und 1 im Tessin. 3'952 freiwillige HelferInnen waren im Einsatz und führten mit insgesamt 4'232 Transporten 7'994 Personen sicher nach Hause. Dabei wurden 156'266 Kilometer zurückgelegt!

Dies scheint eine fast unglaubliche Leistung zu sein. Gegenüber Kanada stecken wir aber noch in den viel zitierten Kinderschuhen. Ich hatte im Dezember 2000 - im Rahmen des 10-jährigen Jubiläums Nez Rouge Schweiz - die einmalige Gelegenheit, während 2 Wochen den Betrieb von Nez Rouge in Montréal, in verschiedenen Stützpunkten der Region Québec und hauptsächlich den Stützpunkt von Québec-City aus nächster Nähe zu verfolgen. Um meinen überwältigenden Eindruck etwas zu verdeutlichen, hier ein paar Beispiele:

  • In Montréal wird extra für die Opération Nez Rouge das Olympiastadion mit seinen riesigen Parkplätzen geöffnet. Die Polizei der Stadt Montréal stellt uniformierte Beamte zur Verfügung, um die Sicherheit und einen geordneten Ablauf zu gewährleisten.
  • In der Region Québec stellt sich ein Mann, der sein Geld mit ca. 100 verschiedenen Präsentationen als Maskottchen verdient, den ganzen Dezember unentgeltlich der Opération Nez Rouge zur Verfügung. Ausser dem obersten Kader von Nez Rouge Kanada und den Begleitpersonen weiss niemand, wer sich hinter diesem Kostüm versteckt. Er verpflegt sich sogar im Begleitwagen, während seine BegleiterInnen in einem Restaurant essen und sich aufwärmen, um nicht erkannt zu werden.
  • In Québec-City macht ein Radiosender im Dezember eine tägliche Live-Sendung zum Thema Nez Rouge. Während rund 15 Minuten werden die aktuellsten Statistiken der letzten Nacht, Anekdoten und die Prognosen zur nächsten Nacht behandelt. Dies alles wird mit diversen Interviews untermalt.
  • Bei der Opération Nez Rouge in Québec-City sind jede Nacht 3 sogenannte Kontrollteams unterwegs. Diese Teams sind nur der internen Sicherheitscrew von Nez Rouge und den beteiligten Polizeibeamten bekannt und lassen sich als ganz normale Kundschaft jede Nacht kreuz und quer durch das Einsatzgebiet fahren. Durch diese Massnahme wird verdeckt kontrolliert, ob sich die HelferInnen von Nez Rouge an die Anweisungen und Regeln halten. Somit ergibt sich eine grobe Kontrolle, ob sich die Telefonzentrale, die Einsatzleitung und die HelferInnen vor Ort korrekt verhalten. Schlussendlich wird noch kontrolliert, ob das erhaltene Trinkgeld wirklich in vollem Umfang in der Zentrale abgegeben wird. Bei schwereren Verstössen wird die betroffene Person gesperrt und kann in ganz Kanada nie mehr bei Nez Rouge mitmachen.
  • Im Stützpunkt Québec-City (Einzugsgebiet wesentlich kleiner als das der Aktion Nez Rouge Bern!) werden in "guten" Nächten gegen 1'000(!) Einsätze gefahren. Hunderte von freiwilligen FahrerInnen, die in einer solchen Nacht im Einsatz sind, müssen in der Zentrale untergebracht werden. Dutzende von HelferInnen sind in zwei grossen Turnhallen damit beschäftigt, die Verpflegung, den Parkdienst, die Einschulung von neuen FahrerInnen und den reibungslosen allgemeinen Ablauf sicher zu stellen. Auch hier stellt die Polizei jede Nacht uniformierte Beamte, die sich im ganzen Gebäudetrakt aufhalten. Zudem sind zivile Polizeibeamte in der Sicherheitszentrale anwesend, die immer online mit der Polizeizentrale verbunden ist, um Daten und Einträge von Freiwilligen usw. zu kontrollieren. Hierzu muss man wissen, dass die Bewilligung, um als FahrerIn bei Nez Rouge in Kanada mitmachen zu können, von der jeweiligen Polizeistelle erteilt wird. Mit der Anmeldung zum Fahrdienst bei Nez Rouge gibt der Bewerber sein schriftliches Einverständnis, dass alle seine Daten von der Polizei überprüft werden.

Dies sind nur ein paar wenige Eindrücke von meinen einzigartigen Erlebnissen bei Nez Rouge in Kanada. Bleibende Erinnerungen, welche die unzähligen Stunden der Vorbereitung und Organisation der Aktion Nez Rouge Bern versüssen.

Allen freiwilligen HelferInnen von Nez Rouge möchte ich an dieser Stelle meinen Dank für ihre ehrenamtliche Mithilfe aussprechen! Es ist - gerade in der heutigen Zeit - nicht selbstverständlich, anderen Mitmenschen unentgeltlich seine Hilfe anzubieten. Aber auch unsere Kundschaft verdient ein grosses Lob. Es braucht Mut, vor Freunden oder Bekannten oder aus einem öffentlichen Lokal die Nummer 0800 802 208 zu wählen, um sich dann von eigentlich fremden Leuten zusammen mit seinem eigenen Fahrzeug nach Hause fahren zu lassen.

Ich wünsche den HelferInnen, der Kundschaft, den verschiedenen Sponsoren, wie auch den Personen, welche unsere Homepage mehr oder weniger per Zufall entdeckt haben, eine schöne, möglichst stressfreie Zeit und allzeit unfallfreie Fahrt!